Fachtag der Netzwerke Frühe Hilfen und Kinderschutz

Ehrgewalt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe


Prof. Dr. Dorothee Dienstbühl stellte in ihrem Vortrag sehr deutlich heraus, dass Gewalt im Namen der Ehre nicht zu akzeptieren ist.

Ausgebildete HeRoes aus Offenbach: Esmal Asmari und Jamal Kondolai (von links).

Prof. Dr. Jörn Borke beleuchtete die besonderen Herausforderungen eines kultursensitiven Arbeitens mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern.

Erstmals veranstalteten die Netzwerke Frühe Hilfen der Region Mittelhessen unter der Moderation von Silke Arnold, Netzwerkkoordinatorin des Landkreises Limburg-Weilburg, einen gemeinsamen Fachtag zu dem Thema  „Kultursensitives Arbeiten – Chancen und Grenzen“ in Weilburg. Unterschiedliche Bereiche der kultursensitiven Arbeit wurden dargestellt und im vollbesetzten Komödienbau mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert. Auch Landrat Manfred Michel zeigte sich sehr erfreut über diese Premiere.

Der Vormittag stand ganz unter dem Thema „Gewalt im Namen der Ehre“, und wie kann jeder Einzelne dem begegnen. „Ehrgewalt“ ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die ein klares, vernetztes und gemeinsames Handeln erfordert.

Die Referentin zum Thema „Ehrgewalt“, Prof. Dr. Dorothee Dienstbühl von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Duisburg, stellte in ihrem Vortrag sehr deutlich heraus, dass Gewalt im Namen der Ehre, in jeglicher Form, nicht zu akzeptieren und nicht mit Toleranz dem Ehrverständnis gegenüber zu begründen ist. In den Familien herrsche eine strikte Rollenzuweisung, in der der Mann als Patriarch bestimme und von der Frau erwarte, dass sie die Familienehre achte. Die Bewahrung der Familienehre stellt sowohl für die jungen Frauen als auch für ihre Brüder einen großen Einschnitt in ihren Menschenrechten dar. Über die Gewalt in den Familien herrscht oft eine Mauer des Schweigens, die nur schwierig von außen zu durchbrechen ist. Schweigen aber schützt die Täter, schützt das System und daher forderte Dr. Dienstbühl dazu auf, mutig zu sein, das Problem nicht zu negieren, sondern hinzusehen, zu handeln, zu helfen.

Das Gewaltpräventionsprojekt HeRoes des DRK-Kreisverbandes Offenbach legt in seiner Arbeit mit jungen Männern Schwerpunkte auf Themen wie Ehre, patriarchalische Strukturen, Sexismus, Geschlechterrollen. Dafür sind sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Jamal Kondolai und Emal Asmari, ausgebildete HeRoes aus Offenbach, zeigten in einem Rollenspiel eindringlich, welchem Druck, welcher Belastung und Verantwortung junge Männer in ihrer „Wächterrolle“ den Schwestern gegenüber ausgesetzt sind und in welchem Dilemma sie stecken. HeRoes setzt sich aktiv gegen „Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung“ ein.  

Im Landkreis Limburg-Weilburg ist die Leo-Sternberg-Schule bereits in Kontakt mit den HeRoes getreten, um das Projekt auch dort zu implementieren. Anouchka Herold, Schulsozialarbeiterin der Schule, berichtete von ersten Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, die bereits mit großem Erfolg stattgefunden haben.

Am Nachmittag stellte Herr Prof. Dr. Jörn Borke, Hochschule Magdeburg-Stendal, die besonderen Herausforderungen eines kultursensitiven Arbeitens mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern dar. Eigene kulturelle Lebensvorstellungen und Erwartungshaltungen wurden verdeutlicht und hinterfragt.  Konzepte von Autonomie und Verbundenheit als übergreifender Rahmen für die große Vielfalt und Variabilität kultureller Ausprägung wurden anschaulich dargestellt und mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern lebhaft diskutiert. Der Fachtag wurde vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration gefördert.